PER CLARINETTO in La e Si-b
(für A- und B-Klarinette)

gewidmet Thomas Friedli
Zürich/Intragna 1991
Dauer 9'45
Transp. notiert

Uraufführung postum 1994

1994, ein Jahr nach der Ersteinspielung gelangte Torso X (Ultimo Torso) per clarinetto in la e si-b konzertant zur Uraufführung, und dies anlässlich einer umfassenden Ausstellung der Künstlerin Evi Kliemand in Locarno (Pinacoteca Casa Rusca vgl. Katalog). Das 'Concerto straordinario' in omaggio al compositore Ermano Maggini (1931-1991)' – un concerto in collaborazione con la Pinacoteca di Casa Rusca, la Fondazione Ermano Maggini Intragna e la Fondazione 'Musica Ticinensis', fand am 12. Mai 1994 in der nahgelegenen 'Sala della Sopracenerina' statt. Es spielten die Interpreten des Trio Zemlinsky: Thomas Friedli, clarinetto, Annick Gautier, violoncello, Patricia Thomas, pianoforte. Aufgeführt wurden von Ermano Maggini 'Atem', Canto I-III, das dem Trio Zemlinsky gewidmete Trio Torso VIII und als Uraufführung wurde Torso X (Ultimo Torso) für Klarinette solo gegeben; Interpret: Thomas Friedli.
Fernando de Carli schreibt am 14. maggio 1994: La musica di Ermano Maggini contiene una profonda dimensione introspettiva la quale, però, non porta al soffocamento degli spazi, ma porta allo sviluppo di una spazialità interiore, se così vogliamo dire. La dimensione introspettiva della musica dell'autore ticinese si sviluppa, soprattutto, al livello di ricerca: infatti la sua musica lascia trasparire un non indifferente lavoro di riflessione, anche se in ultima analisi, appare di grande naturalezza. Pur rispettando una chiara drammaturgia – in particolar modo nel Trio, che è anche l'opera più estesa fra quelle ascoltate – Maggini riesce a creare una dimensione meditativa nella sua musica, così da farla apparire fuor dal tempo, senza inizio e senza fine le sue composizioni sembrano essere un momento di un percorso nascosto nel suo passato e nel suo futuro, un qualcosa che emerge da un grande mare, che è il mondo interiore.
Zwei Monate vor seinem Tod, im Oktober 1991, hatte Ermano Maggini die Komposition Torso X für clarinetto in la e si-b beendet, er widmete dieses Werk dem Klarinettisten Thomas Friedli.

Einspielungen postum 1992

Im Zuge der postumen Ersteinspielung jener Werke, die der Komponist im Laufe seiner Schaffensjahre den Interpreten des Trio Zemlisky gewidmet hatte, wurde Torso X vom Klarinettisten Thomas Friedli im Radio Studio Lugano am 2. Juli 1992 in Zusammenarbeit mit der Fondazione Ermano Maggini Intragna und RTSI Rete 2 für CD eingespielt (vgl. CD 1993 Jecklin szene SCHweiz JS 295-2).
Auf der CD figurieren neben Torso X für Klarinette das Trio Torso VIII für Klarinette, Violoncello und Klavier von 1990, sowie Atem für Klavier solo von 1976 und die Werke für Violoncello solo.
Der 1987 komponierte Canto XVII (in seiner 1. Fassung) für Klavier und Flöte, von Ermano Maggini 1991 für A- und B-Klarinette transponiert, konnte im Zuge jener Aufnahmen nicht mit eingespielt werden und fehlt in seiner transponierten Form bis heute auf CD. 1993 wurde Canto XVII für Flöte und Klavier jedoch in seiner ursprünglichen Form von Patrizia Thomas und Werner Zumsteg zusammen mit weiteren Werken eingespielt (vgl. CD Jecklin JS 311-2 1993/1995).
Für beide Fassungen liegen heute die Noten als Werkausgabe 5 vor, Edition Müller & Schade Bern M&S 2073. Sukzessiv erscheinen die von Evi Kliemand kommentierten Werkausgaben in dieser Reihe, herausgegeben von der Fondazione Ermano Maggini.

Torso X - seine Entstehung

Ermano Magginis gesamtes kompositorisches Schaffen endet mit dem Werk für A- und B-Klarinette, Torso X, sieht man von dem unvollendet gebliebenen Werk HIOB von 1991 ab.
Torso X für Klarinette solo komponierte Ermano Maggini während des Sommers 1991 in Intragna, es sollte sein letzter Sommer sein. Die Übergabe an den Klarinettisten Thomas Friedli, dem es gewidmet ist, erfolgte im Oktober in Zürich. Thomas Friedli war als Interpret des Trio Zemlinsky längst mit der musikalischen Sprache von Ermano Maggini vertraut geworden. Die hier Schreibende fotografierte jenes herbstliche Zusammentreffen unter Freunden. Irgendwie glücklich, mit der Notenschrift von Torso X in Händen, sieht man den Komponisten lachend, wenn auch schon schwer gezeichnet, zwischen Thomas Friedli und der Cellistin Annick Gautier, in deren Wohnung sie sich eingefunden hatten, um das neue Werk zu besprechen.
Für eine konzertante Uraufführung sollte Magginis Lebenszeit nicht ausreichen. Ermano Maggini verstarb am 19. Dezember 1991.
Dies ist umso tragischer, als man weiss, dass alle diese Interpreten nicht mehr am Leben sind. Annick Gautier starb 52jährig 2003; Thomas Friedli verunfallte tödlich 2008, 62jährig. Werner Zumsteg verstarb nach längerem Leiden im August 2018. Hochrangige, unvergessliche Interpreten, die viel dazu beitrugen, dass Ermano Magginis Werk von einer breiten Öffentlichkeit im In- und Ausland wahrgenommen werden konnte. Desto wichtiger ist heute ihr Spiel auf CD, ein einzigartiges Zeit-Dokument. Es obliegt dem beherzten Engagement einer neuen Interpreten-Generation, diesen bedeutsamen musikalischen Fundus auch einer künftigen Welt von Hörern zugänglich zu machen.
Zitat aus: Evi Kliemand Orte des Schaffens – Orte des Begegnens
Ein Schweizer Komponist ERMANO MAGGINI (1931-1991)
Verlag Müller & Schade Bern 2014 ISBN 978-3—905760-15-6:
Die Werke antworten einander über ihre Entstehungszeit hinweg. Vom Gesamtwerk haben 26 Kompositionen bereits zu Lebzeiten in Konzerten ihre Uraufführung erfahren. Gut weitere zehn Werke wurden im Rahmen von Ausstellungen von Evi Kliemand und deren Lesungen vor Publikum zur Uraufführung gebracht, darunter die Werke für Violoncello solo, gespielt von Annick Escher-Gautier - eindrückliche musikalische Momente in der Begegnung mit bildender Kunst. (…) Unter den Begriff 'Torso' fallen zehn ganz unterschiedliche Werke. Torso X für Klarinette schrieb Ermano Maggini als letztes Werk in seinem letzten Sommer 1991. Torso, erläuterte der Komponist einmal, das sei der Klangkörper, der aus der Stille in die Stille zurückgreife. Während des letzten Sommeraufenthalts in Intragna, schon unter dem Damoklesschwert der erkrankten Lungenwege, schrieb Ermano Maggini sein letztes Werk, Torso X für A- und B-Klarinette, es ergänzt abschliessend den schon früher geschaffenen Canto XVII für Flöte und Klavier (transponiert für Klarinette in B und Klavier). Es war, als hätte der Komponist den menschlichen Atem auf diese Weise noch einmal - oder auch für immer - einzubringen versucht.

Text: Evi Kliemand (2018)
Hrsg. Fondazione Ermano Maggini Intragna


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